OKR steht für Objectives & Key Results, also Ziele und wichtigste Ergebnisse.
KPI steht für Key Performance Indicator, also Leistungskennzahl.
Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Behörden/Organisationen digitale Barrierefreiheit ohne konkrete Zielsetzungen und messbare Resultate umsetzen wollen. Deshalb möchte ich in den kommenden Tagen umfassender auf das Thema eingehen. Ich erkläre allgemein, was OKRs sind, was sie nützen, was gute OKRs ausmacht und welche typischen Fehler es dabei gibt. Außerdem stelle ich Beispiele aus der Praxis für gute und schlechte OKRs in der digitalen Barrierefreiheit vor.
Wofür gibt es OKR (Objectives & Key Results)?
OKR helfen dabei, dass alle Beteiligten wissen, was in einem Zeitraum besonders wichtig ist. Die Leitung der Teams legt wenige, klar definierte und priorisierte Ziele fest. Diese sollen beispielsweise in einem Quartal oder Halbjahr erreicht werden. Dabei gibt es eine eindeutige Ausgangsbasis und messbare Zielsetzung. In regelmäßigen Abständen werden diese Messungen wiederholt. Das ermöglicht, den tatsächlichen Fortschritt zu erkennen, bei Bedarf auch schnell Korrekturen vorzunehmen, wenn sich zeigt, dass es Probleme gibt, und daraus zu lernen. OKR sorgen außerdem dafür, dass die Ziele und Fortschritte transparent sind und regelmäßig von den Beteiligten besprochen werden. Das hilft, dass Teams sich auf die gemeinsamen Ziele ausrichten, aus jedem Abschnitt lernen und gemeinsam das Vorgehen verbessern.
Welchen Unterschied gibt es zwischen OKR und KPI (Key Performance Indicator)?
OKR sind ein strategisches Steuerungsinstrument. Sie beschreiben den Fortschritt in einem vorgegebenen Zeitraum und enthalten sowohl qualitative Ziele als auch messbare Resultate. KPI beschreiben hingegen den jeweils aktuellen Zustand oder die Performance eines Systems. Sie werden normalerweise dauerhaft gemessen, beispielsweise die Fehlerrate in einem Entwicklungssystem.
OKR definieren also eine Ausrichtung und den gewünschten Zielzustand, während KPI den jeweils momentanen Zustand angeben.
KPI können unter Umständen als Messgrößen für die geforderten Resultate von OKRs genutzt werden, um gewünschte Veränderungen zu beschreiben. Dabei muss aber sichergestellt werden, dass nicht allgemeine Aktivitäten, sondern Zustand und Nutzen (outcome) im Vordergrund stehen.
Woran erkennt man hochwertige OKR?
- Die Ziele sind aussagekräftig und so formuliert, dass alle Beteiligten sie wirklich verstehen.
- Die Ziele beschreiben konkret, welcher Zustand verändert werden soll, nicht eine Aktivität.
- Die Ziele sind realistisch im angegebenen Zeitraum (z. B. Quartal oder Halbjahr) erreichbar.
- Die geforderten Resultate können gemessen werden und sind objektiv prüfbar. Sie haben einen konkreten Start- und Zielwert.
- Die geforderten Resultate sind auf echte Wirkung (outcome) ausgelegt, nicht auf Tätigkeiten (output). Outcome bedeutet der tatsächliche Nutzen oder die Wirkung für Anwender*innen oder die Organisation. Output bedeutet nur die Menge der produzierten Arbeit (z. B. Anzahl Schulungen, Anzahl Tickets, Anzahl Meetings, erstellte Dokumente).
- Die geforderten Resultate können vom Team durch eigenes Handeln erreicht bzw. maßgeblich beeinflusst werden.
- Die Ziele und geforderten Resultate sind jeweils in ihrer Menge begrenzt (beispielsweise 2 bis 3 Ziele pro Team/Zyklus mit jeweils 3 oder 4 geforderten Resultaten).
- Die Ziele und geforderten Resultate sind allen Beteiligten bekannt, einfach auffindbar, barrierefrei zugänglich und nachlesbar. Die Verantwortlichkeiten sind klar definiert und passen zu den Fähigkeiten der Personen/Teams, denen sie zugeteilt wurden.
- Die Ziele und geforderten Resultate werden regelmäßig gemeinsam angeschaut und der Fortschritt besprochen.
- Die Ziele und geforderten Resultate tragen erkennbar zum positiven Nutzen für die behinderten Anwender*innen und die Organisation bei.
Was sind typische Fehler bei OKR?
- Es wurden keine Ziele definiert, sondern Aufgaben.
- Die geforderten Resultate definieren keinen konkreten Nutzen/Mehrwert, sondern sind auf Aktivitäten ausgerichtet.
- Sie sind nicht eindeutig messbar oder es fehlen wesentliche Informationen (bspw. Start- und Zielwert).
- Sie sind unrealistisch, also im Rahmen der real verfügbaren Ressourcen und definierten Prioritäten nicht erreichbar.
- Sie sind anspruchslos und führen somit nicht zu positiver Weiterentwicklung/echtem Nutzen.
- Es wurden viel zu viele Ziele/Resultate festgelegt, so dass es nicht möglich ist, fokussiert darauf hinzuarbeiten.
- Sie passen nicht zu den definierten übergreifenden Zielen der Organisation bzw. wurden nicht in diese eingebettet.
- Dadurch werden sie nicht ernst genommen, erhalten nicht die nötigen Prioritäten/Ressourcen und senden widersprüchliche Signale an die Beteiligten.
- Sie können von den Beteiligten nicht selbst positiv beeinflusst werden, so dass diese keine Verantwortung dafür spüren/sie keine Relevanz für sie haben.
- Nach der Festlegung werden sie nicht regelmäßig und systematisch gemessen und mit den Beteiligten besprochen. Es sollte feste Routinen (z. B. regelmäßige Reviews und Retrospektiven) geben, in denen die OKR als aktives Arbeitsinstrument genutzt werden.
- Es gibt kein System, wie mit verfehlten Resultaten umgegangen und aus ihnen gelernt wird.
- Sie werden an Boni oder Bestrafungen gekoppelt, so dass ein hoher Anreiz besteht, Schein-OKRs zu generieren oder Ergebnisse zu fälschen. OKR sollten vorrangig als Lern- und Steuerungsinstrument verstanden werden, nicht als reines Controlling-Tool.
- Sie wurden nicht gemeinsam mit allen Beteiligten erarbeitet und kommuniziert, sondern rein von oben vorgegeben. Häufig kennen die Beteiligten sie nur oberflächlich oder gar nicht.
Beispiele für schlechte oder unausgereifte OKRs für digitale Barrierefreiheit
Beispiel-Zielsetzung: Barrierefreiheit verbessern
Geforderte Resultate: Accessibility-Audit durchführen, 50 % der WCAG-Fehler fixen, Accessibility-Training für 100 % der Entwickler*innen durchführen.
Schlechtes OKR, weil: Hier werden Aktivitäten mit erreichtem Nutzen verwechselt. Durchgeführte Audits, pauschale Bugfixes oder Trainings sind Aktivitäten, kein konkretes Ergebnis. Die Zielsetzung ist zu vage und allgemein. So wird nicht sichergestellt, dass das Ergebnis wirklich bessere Barrierefreiheit für behinderte Nutzende ist.
Beispiel-Zielsetzung: Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) umgesetzt
Geforderte Resultate: 100 % Score beim automatisierten Barrierefreiheits-Tool, alle WCAG 2.1 AA-Fehler im automatisierten Tool behoben.
Schlechtes OKR, weil: Automatisierte Tools können nur einen kleinen Prozentsatz der WCAG-Kriterien zuverlässig erkennen. Ein Resultat von 100 % bedeutet daher nicht, dass die Webanwendung wirklich barrierefrei ist. Selbst wenn das Ergebnis eines automatisierten Tools perfekt ist, könnte es immer noch erhebliche Barrieren für behinderte Nutzende geben.
Beispiel-Zielsetzung: Klage wegen Verstößen gegen die Barrierefreiheit vermeiden
Geforderte Resultate: Alle offiziellen Beschwerden binnen 7 Tagen beantworten und binnen 30 Tagen beheben.
Schlechtes OKR, weil: Hier wird Barrierefreiheit offensichtlich nur dann bearbeitet, wenn es bereits Probleme gibt und diese über offizielle Kanäle gemeldet wurden. Das ist ethisch sehr problematisch und die teuerste Art, mit dem Thema umzugehen. Wenn Barrierefreiheit stattdessen von Anfang an als grundlegendes Qualitätsmerkmal in alle Planungen und Entwicklungen einfließt, werden wesentlich bessere Ergebnisse erreicht.
Beispiel für ein gutes OKR für digitale Barrierefreiheit
Geforderte Zielsetzung: „Menschen mit motorischen Behinderungen und blinde Menschen können die komplette Online-Antragsstrecke selbstständig und ohne fremde Hilfe nutzen“.
Beispiele für geforderte Resultate:
- Der zentrale Ende-zu-Ende-Nutzungsfluss (Startseite, Registrieren, Antragsformular, Bestätigung) wird von den meisten
Teilnehmenden mit motorischen Behinderungen beim jeweils 3-monatlich stattfindenden Nutzungstest erfolgreich
abgeschlossen.
Startwert: bisher 65 %.
Zielwert: mindestens 90 %. - Die Anzahl der kritischen Barrieren (Blocker), die blinde Nutzende mit Screenreader im entsprechenden Nutzungstest auf
der gleichen Strecke melden, sinkt von 5 auf 0.
Startwert (letztes Testergebnis): bisher 5 Blocker.
Zielwert: 0 Blocker. - Der Anteil der Nutzenden mit Behinderungen insgesamt, die in der 3-monatlichen Befragung beim Nutzungstest angeben, dass
sie den Prozess wegen einer Barriere komplett abgebrochen haben, sinkt erheblich.
Startwert: bisher 35 %.
Zielwert: unter 15 %.
Das ist ein gutes OKR, weil es sich auf direkt wahrnehmbaren Nutzen für Anwender*innen mit Behinderungen konzentriert, um weniger Abbrüche und geringeren Frust zu erreichen. Diese werden realistisch in regelmäßig stattfindenden Nutzungstests mit echten Anwender*innen geprüft. Es wurden konkrete Start- und Zielwerte benannt.
Wichtig zum Schluss:
Ziele und geforderte Resultate müssen zum Reifegrad der Behörde oder des Unternehmens passen. Deshalb ist es wichtig, dass am Anfang der Ist-Stand bestimmt wird:
- Reifegrad der Behörde/Organisation in Bezug auf digitale Barrierefreiheit
- Ist-Zustand der relevanten digitalen Anwendungen (Websites, Intranet, Software, Apps, Hardware, Dokumente)
- und eventuell auch der individuelle Reifegrad von ausgewählten Abteilungen und Teams
Erst wenn diese Informationen vorliegen, können Ziele und geforderte Resultate darauf abgestimmt werden. Sonst stolpert man direkt in ein oder mehrere der anfangs beschriebenen Probleme, bei denen die Zielsetzungen unrealistisch sind, weil das Team beispielsweise noch ganz am Anfang steht.